Pflege gelingt nur mit Familien – eine Reform muss Angehörige stärken
Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen brauchen eine Pflegereform, die unterstützt und entlastet
Ein Appell der Deutschen Alzheimer Gesellschaft Landesverband Bayern e. V. Selbsthilfe Demenz und der unterzeichnenden regionalen Alzheimer Gesellschaften in Bayern an die politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger in Bayern und auf Bundesebene, insbesondere
- den Bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Parteivorsitzenden Dr. Markus Söder,
- die Bayerische Staatsministerin für Gesundheit, Pflege und Prävention Judith Gerlach,
- die Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung Katrin Staffler,
- die bayerischen Mitglieder im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages,
- die Mitglieder des Deutschen Bundestages aus Bayern aller Fraktionen,
- die Mitglieder des Ausschusses für Gesundheit, Pflege und Prävention des Bayerischen Landtags sowie die gesundheitspolitischen Sprecherinnen und Sprecher der Fraktionen.
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
sehr geehrte Frau Staatsministerin,
sehr geehrte Frau Pflegebevollmächtigte,
sehr geehrte Frau Zeulner,
sehr geehrter Herr Dr. Pilsinger,
sehr geehrter Herr Prof. Dr. Theiss,
sehr geehrtere Herr Gürpinar,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
Pflege findet nicht nur in Pflegeeinrichtungen statt. Pflege findet jeden Tag in Familien statt.
Montagmorgen, 6:30 Uhr.
Eine 78-jährige Ehefrau hilft ihrem Mann beim Aufstehen. Er lebt mit einer fortgeschrittenen Demenz und erkennt sie häufig nicht mehr. Seit Jahren begleitet sie ihn durch den Alltag, unterstützt ihn beim Anziehen, beim Essen, bei der direkten Pflege und trägt die Gesamtverantwortung für den gemeinsamen Alltag.
Den Termin für ihre eigene Herzuntersuchung hat sie bereits mehrfach verschoben. Nicht, weil sie ihn vergessen hat, sondern weil ihr eine verlässliche Betreuung für ihren Mann fehlt.
Ihr Wunsch ist bescheiden:
„Ich wünsche mir keine Wunder. Ich wünsche mir nur zwei Stunden, in denen ich weiß, dass mein Mann gut versorgt ist.“
Diese Situation steht stellvertretend für viele Familien in Bayern.
Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen erleben häufig langjährige Pflegeverläufe mit einem hohen Bedarf an Betreuung, Begleitung und Unterstützung. Pflegende Angehörige organisieren Versorgung, treffen Entscheidungen, erhalten soziale Beziehungen und ermöglichen vielen Menschen ein Leben in ihrer vertrauten Umgebung.
Sie sind eine unverzichtbare Säule unseres Pflegesystems.
Eine Pflegereform ist notwendig – sie muss Familien stärken
Wir erkennen an, dass die Pflegeversicherung angesichts des demografischen Wandels vor großen Herausforderungen steht. Eine Weiterentwicklung der Pflege ist notwendig, damit auch künftig eine verlässliche Versorgung gewährleistet werden kann.
Der Entwurf des Pflegeneuordnungsgesetzes (PNOG) enthält aus unserer Sicht wichtige und begrüßenswerte Ansätze.
Dazu gehören insbesondere:
- die geplante Pflegebegleitung (§ 7c), die Beratung, Fallmanagement und Unterstützung in Krisensituationen stärker miteinander verbinden kann,
- das vorgesehene Überbrückungsbudget für Akutsituationen, wenn pflegende Angehörige kurzfristig ausfallen,
- die Verdopplung der Fördermittel nach § 45c, die den Ausbau niedrigschwelliger Betreuungs- und Entlastungsangebote unterstützen kann,
- die Weiterentwicklung des Sozialraumbudgets auf 175 Euro sowie Verbesserungen bei Pflegegeld und Pflegesachleistungen,
- die automatische jährliche Anpassung der Leistungsbeträge ab 2028, die den bisherigen langjährigen Stillstand bei Anpassungen beendet.
Diese Elemente zeigen, dass Beratung, Unterstützung und Entlastung von Menschen mit Pflegebedarf und ihren Angehörigen ein wichtiger Bestandteil der Reform sein sollen.
Unser Anliegen ist daher nicht, notwendige Veränderungen zu verhindern.
Wir möchten sicherzustellen, dass die Reform ihre Ziele erreicht und diejenigen stärkt, die Pflege heute möglich machen.
Hinter jeder gesetzlichen Regelung stehen Menschen
Die regionalen Alzheimer Gesellschaften begleiten täglich Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen. Dabei erleben wir, welche Bedeutung verlässliche Unterstützung im Alltag hat.
Eine Ehefrau, die ihren an Demenz erkrankten Mann zu Hause versorgt, benötigt verlässliche Entlastungsangebote, damit sie notwendige Arzttermine wahrnehmen, ihre eigene Gesundheit erhalten und durch zeitweise Auszeiten langfristig die Pflege zu Hause fortführen kann.
Eine berufstätige Tochter, die ihre Mutter mit Demenz begleitet, braucht Angebote, die Pflege, Familie und Beruf miteinander vereinbar machen.
Eine Familie, in der ein Mensch mitten im Leben an einer frontotemporalen Demenz erkrankt, benötigt Unterstützung, die auch die besonderen sozialen, beruflichen und finanziellen Herausforderungen dieser Erkrankung berücksichtigt.
Diese Beispiele zeigen:
Entlastungsangebote sind keine zusätzliche Leistung neben der Pflege. Sie sind eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass häusliche Pflege langfristig gelingen kann.
Pflege stärken heißt Angehörige stärken
Aus unserer täglichen Beratungspraxis wissen wir, dass Familien sehr unterschiedliche Unterstützung benötigen. Gerade Menschen mit Demenz haben häufig einen langfristigen und komplexen Unterstützungsbedarf, der über reine Pflegeleistungen hinausgeht. Mit Blick auf geplante Veränderungen sehen wir die Notwendigkeit, mögliche Auswirkungen auf pflegende Angehörige sorgfältig zu prüfen.
Dies betrifft insbesondere:
- den Zugang zu Unterstützungsleistungen,
- die praktische Nutzbarkeit von Entlastungsangeboten,
- die Verfügbarkeit von Ersatz- und Entlastungspflege,
- die soziale Absicherung pflegender Angehöriger,
- sowie die finanzielle Belastung bei stationärer Versorgung.
Entscheidend ist nicht nur die gesetzliche Regelung, sondern ihre Wirkung im Alltag der Familien.
Wenn Unterstützung nicht rechtzeitig verfügbar ist, kann häusliche Pflege früher an Grenzen stoßen.
Die Folgen betreffen dann nicht nur die betroffenen Familien. Sie können auch Auswirkungen auf Kommunen, Bezirke, Pflegeeinrichtungen und die gesamte Versorgungsstruktur haben.
Die Unterstützung pflegender Angehöriger ist deshalb nicht nur eine soziale Aufgabe. Sie ist eine Investition in die Stabilität unseres Pflegesystems.
Unser Appell an die politischen Entscheidungsträger
Als Deutsche Alzheimer Gesellschaft Landesverband Bayern e. V. Selbsthilfe Demenz und die unterzeichnenden regionalen Alzheimer Gesellschaften begleiten wir Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen in ihrem Alltag.
Wir sehen ihre Kraft.
Wir kennen ihre Verantwortung.
Wir erleben auch ihre Grenzen.
Deshalb bitten wir Sie, die weitere Ausgestaltung der Pflegereform an folgenden Punkten auszurichten:
Bewährte Entlastungsangebote erhalten und weiterentwickeln
Familien benötigen verlässliche Unterstützung, damit Pflege zu Hause dauerhaft möglich bleibt.
Menschen mit Demenz besonders berücksichtigen
Die besonderen Herausforderungen von Demenzerkrankungen müssen bei der Ausgestaltung von Pflegeleistungen berücksichtigt werden.
Pflegende Angehörige als Partner des Pflegesystems stärken
Wer Angehörige unterstützt, stabilisiert die häusliche Pflege und trägt dazu bei, Überlastung zu verhindern.
Auswirkungen auf Familien sorgfältig prüfen
Neue Regelungen müssen sich daran messen lassen, ob sie im Alltag tatsächlich Entlastung schaffen.
Erfahrungen Betroffener einbeziehen
Die Perspektive von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen muss ein wesentlicher Bestandteil politischer Entscheidungen sein.
Pflege gelingt nur gemeinsam
Morgen früh um 6:30 Uhr beginnt für viele Angehörige in Bayern wieder ein neuer Pflegetag.
- Sie begleiten Menschen, die ihnen nahestehen.
- Sie übernehmen Verantwortung – oft über Jahre hinweg, Tag für Tag, oft bis an die eigenen Grenzen.
- Sie machen häusliche Pflege erst möglich und sind eine tragende Säule unseres Pflegesystems.
Diese Menschen erwarten keine Sonderrolle. Sie erwarten, dass ihre Leistung gesehen, anerkannt und durch eine verlässliche Pflegepolitik unterstützt wird.
Eine zukunftsfähige Pflegereform gelingt nur mit den Familien!
Mit freundlichen Grüßen
Deutsche Alzheimer Gesellschaft Landesverband Bayern e. V. Selbsthilfe Demenz und die unterzeichnenden regionalen Alzheimer Gesellschaften in Bayern
Oberfranken
Alzheimer Gesellschaft Bamberg e. V. Selbsthilfe Demenz
Alzheimer Gesellschaft Bayreuth/Kulmbach e. V. Selbsthilfe Demenz
Alzheimer Regionalgruppe Hof/Wunsiedel e. V. Selbsthilfe Demenz
Mittelfranken
Alzheimer Gesellschaft Gunzenhausen und Umgebung e. V. Selbsthilfe Demenz
Alzheimer Gesellschaft Mittelfranken e. V. Selbsthilfe Demenz
Alzheimer Gesellschaft Weißenburg und Umgebung e. V. Selbsthilfe Demenz
Unterfranken
Alzheimer Gesellschaft Würzburg/Unterfranken e. V. Selbsthilfe Demenz
Oberpfalz
Alzheimer Gesellschaft Oberpfalz e. V. Selbsthilfe Demenz
Niederbayern
Alzheimer Gesellschaft Landshut e. V. Selbsthilfe Demenz
Oberbayern
Alzheimer Gesellschaft Landkreis Altötting e. V. Selbsthilfe Demenz
Alzheimer Gesellschaft Isar-Loisachtal e. V. Selbsthilfe Demenz
Alzheimer Gesellschaft Bad Tölz-Wolfratshausen e. V. Selbsthilfe Demenz
Alzheimer Gesellschaft Lechrain e. V. Selbsthilfe Demenz
Alzheimer Gesellschaft Ingolstadt e. V. Selbsthilfe Demenz
Alzheimer Gesellschaft Landkreis Ebersberg e. V. Selbsthilfe Demenz
Alzheimer Gesellschaft München e. V. Selbsthilfe Demenz
Alzheimer Gesellschaft Oberland e. V. Selbsthilfe Demenz
Alzheimer Gesellschaft Landkreis Pfaffenhofen/Ilm e. V. Selbsthilfe Demenz
Alzheimer Gesellschaft Südostbayern e. V. Selbsthilfe Demenz
Alzheimer Gesellschaft Landkreis München e. V. Selbsthilfe Netzwerk Demenz
Alzheimer Gesellschaft Pfaffenwinkel-Werdenfels e. V. Selbsthilfe Demenz
Schwaben
Alzheimer Gesellschaft Augsburg e. V. Selbsthilfe Demenz
Alzheimer Gesellschaft für den Landkreis Dillingen a. d. Donau e. V. Selbsthilfe Demenz
Downloads Deutsche Alzheimer Gesellschaft Landesverband Bayern e. V. Selbsthilfe Demenz
Offener Brief: Pflege gelingt nur mit Familien – eine Reform muss Angehörige stärken [PDF]
Downloads Extern
Medhochzwei Verlag –Neuerscheinung Juli 2026 –DEMENSCH Postkartenkalender 2027 Medhochzwei Verlag –Neuerscheinung Juli 2026 –DEMENSCH Postkartenkalender 2027 mit Aussagen der Charta der Rechte für Menschen mit Demenz, abgerufen 17.08.2026
Charta der Rechte von Menschen mit Demenz ,die aus der von Prof. Dr. Thomas Klie entwickelten Expertise im Auftrag der Nationalen Demenzstrategie abgeleitet wurde.